Von Stolz und Nationalstolz

Stolz, eine Deutsche zu sein? Ich bin zufällig ein Kind deutscher Eltern, zufällig in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wie kann ich auf etwas stolz sein, dass mir zufällig widerfahren ist? Es ist nicht meine Leistung, Deutsche zu sein. Stolz kann derjenige sein, der nicht von Geburt an Deutscher war, sondern erfolgreich alle Hürden einer Einbürgerung überwunden hat – derjenige hat eine großartige Leistung vollbracht! (Sie glauben nicht, dass das eine großartige Leistung ist? Ihnen sei der Dokumentarfilm „Werden Sie Deutscher!“ von Britt Beyer empfohlen!)

 

Ja, aber stolz könne ich doch wenigstens sein auf die Errungenschaften Deutschlands? Auf die Verfassung, auf den Wiederaufbau nach dem Krieg, auf die Wirtschaftsleistung, auf die Demokratie und den Frieden, auf Merkels Politik!

 

Ist das alles mein Verdienst? Wenn ich auf Deutschland stolz sein soll, dann kann ich mir nicht nur das Positive aussuchen, sondern dann muss ich muss ich auch das Negative sehen.

 

Soll ich stolz sein auf Umweltzerstörung, auf Waffenexporte, auf das Leid und Elend in der Welt, an dem auch Deutschland eine Mitschuld trägt, auf die Judenverfolgung, Rassismus, das Dritte Reich, alte und neue Nazis, die Kriege weltweit, an denen sich Deutschland beteiligt? Soll ich stolz sein darauf, wie menschenverachtend der deutsche Staat völkerrechtlich mit verfolgten Minderheiten umgeht, stolz darauf, wie deutsche Behörden Flüchtlinge erniedrigen und es nicht schaffen, sie wirkungsvoll vor rassistischen Angriffen zu schützen?

 

Worauf also sollte ich stolz an Deutschland sein? Die Scham über das Negative überwiegt. Denn ich als Deutsche stehe automatisch auch als ein Teil dessen. Aber das ist nichts, worauf ich stolz sein könnte. Stolz bin ich auf meine eigene Leistung. Darauf, ohne jegliche Hilfe meinen Berufswunsch realisiert zu haben. Darauf, dass ich Mutter bin, berufstätig und Ehrenämter habe. Darauf, dass ich in Kambodscha ein Krankenhaus aufgebaut habe, dass ich hunderte von Menschenleben gerettet habe, dass ich Flüchtlingen helfe, obwohl ich dafür Hass und Feindschaft ernte von denen, die behaupten, das Volk zu sein. Stolz bin ich darauf, dass ich auch diesen Kräften gegenüber meine Ideale nie verraten habe. Stolz auf Deutschland zu sein hieße auch, sich mit denen auf eine Stufe zu stellen, aber meine Abscheu könnte größer nicht sein!

 

Nein, ich bin nicht stolz, eine Deutsche zu sein. Manchmal, wenn ich Flüchtlingen erklären muss, warum ihre Unterkünfte brennen und Ermittlungsverfahren gegen rassistische Schläger eingestellt werden, schäme ich mich zutiefst für den deutschen Staat - gerade weil ich ein Teil davon bin.

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Hans Pursche (Samstag, 29 Dezember 2018 12:16)

    Auch ich bin nicht stolz auf einen glücklichen Zufall, der mich hier das Licht der Welt erblicken lies.
    Stolz sein darf man nur auf eigene Leistungen.
    Menschen die ein gutes Herz haben, dürfen stolz sein, oder die welche anderen helfen oder beistehen.
    Ich glaube, dass ich alles gesagt habe.

  • #2

    Frank Schulz (Sonntag, 06 Januar 2019 15:09)

    Keinen Platz für Nationalstolz, Schopenschauer schrieb wie's ist:
    Herkunft ist gar keine Leistung, darauf stolz zu sein ist Mist

  • #3

    Volkhard Rühs (Samstag, 23 Februar 2019 00:19)

    Wichtige Seite. Danke. Wenn ich die immer wiederkehrende Frage bekomme, ob ich Deutscher sei, ist so meine Standart Antwort, zunächst wäre ich erstmal ich, dann vielleicht Europäer friesischer Herkunft. Nun habe ich gerade mal ein Drittel mehr oder weniger in Deutschland gelebt. Ich bin dann vielleicht froh, nicht in Syrien, Burkina Faso oder Venezuela leben zu müssen. Stolz darauf kann man meiner Meinung nach wirklich nicht sein, in einem bestimmten Land geboren zu sein. Wenn man nichts hat, um stolz drauf zu sein, dann ist man halt stolz auf eine Fantasie.