Menschen erster und zweiter Klasse? Oder dritter, vierter, fünfter...?

Der Obdachlose

Wenn ein unterernährter obdachloser Deutscher aufgrund eines schweren Asthmaanfalles bewusstlos zusammenbricht und wiederbelebt werden muss, dann ist, sofern das Geschehen jemand bemerkt und die 112 wählt, innerhalb kurzer Zeit ein Rettungsteam vor Ort. Der Patient wird leitliniengerecht vor Ort behandelt, innerhalb weniger Minuten ins Krankenhaus gebracht, liegt im (künstlichen) Koma auf der Intensivstation, er bekommt alle nötige Diagnostik und Therapie. Der Sozialdienst wird im Moment der Krankenhausaufnahme über den Patienten informiert, es wird per Eilantrag vom Gericht ein Betreuer bestellt. Der Betreuer wird im Falle eines Obdachlosen normalerweise ein Berufsbetreuer sein und für seine Arbeit bezahlt. Sozialdienst und Betreuer kümmern sich gemeinsam um eine Krankenversicherung. Meistens liegt innerhalb von drei, vier Tagen die Aufnahme- und damit Mitgliedsbescheinigung einer Krankenkasse vor, und in fast allen Fällen auch die Bestätigung der Kostenübernahme vom Zeitpunkt der Krankenhauseinlieferung an.

 

Wenn der bedauernswerte Patient seinen schlimmen Zustand überlebt, dann wird ein Antrag auf (Früh-)Rehabilitation gestellt, der im Falle einer erfolgreichen Wiederbelebung praktisch immer gewährt wird. Der Patient kann in diesem Stadium oftmals keine zwanzig Meter gehen, nicht alleine essen, und manchmal noch nicht einmal alleine atmen. Er kommt in eine Reha-Einrichtung, in der er sich erholt, Alltagskompetenzen (wieder)erlangt, im Umgang mit seiner Krankheit geschult und auf ein selbständiges Leben vorbereitet wird. Diese Reha dauert manchmal Monate. Sein Betreuer kümmert sich in der Zeit darum, wo er nach der Entlassung unterkommen kann (Obdachlosenwohnheim oder -WG, gar eine eigene Sozialwohnung ist möglich, wenn die Voraussetzungen gegeben sind), schreibt Anträge auf Sozialhilfe, Wohngeld, Zuzahlungsbefreiung etc. pp., er sucht einen weiterbehandelnden niedergelassenen Arzt, zu dem der Patient gehen und sich seine Medikamente, die einen erneuten Asthmaanfall verhindern, verschreiben lassen kann. Mit dem Rezept kann der (nun vielleicht sogar ehemals) Obdachlose in eine Apotheke gehen und sich seine Medikamente holen. (Ob er das dann auch tatsächlich macht - zum Arzt gehen, Medikamente holen und diese auch regelmäßig anwenden, sei natürlich dahingestellt. Wenn das Gericht eine über die Akutbehandlung hinausgehende weitere Betreuung für notwendig erachtet, kümmert sich der Betreuer auch um all das, also Arzttermine, Apotheke usw.)

 

Diese umfassende Fürsorge erhält der Obdachlose unabhängig davon, ob er je einen Cent in die Sozialkassen eingezahlt hat.

 

 

Der Flüchtling

 

Wenn ein unterernährter Flüchtling aufgrund eines Asthmaanfalles bewusstlos zusammenbricht und wiederbelebt werden muss, dann wird auch der Rettungsdienst gerufen. Dieser braucht in der Regel auch nur kurz, um bei dem Patienten zu sein - im konkreten Fall jedoch mehr als eine halbe Stunde,  weil alle Zufahrtsstraßen zum Asylbewerberheim von Demonstranten blockiert waren, die Polizei überfordert war, und Flaschen und Böller auf dir Rettungskräfte geworfen wurden.Auch dieser Patient wird, wenn auch viel zu spät, leitliniengerecht behandelt, auch er liegt im (künstlichen) Koma auf der Intensivstation, auch er bekommt bis dahin alle nötige Diagnostik und Therapie.

 

Es wird jedoch kein Sozialdienst hinzugerufen, weil der für Asylbewerber nicht zuständig ist. Es wird auch keine Betreuung eingerichtet, weil das hiesige Familiengericht nicht für Nicht-Deutsche ohne Aufenthalt zuständig ist. Die Kostenzusage für die Krankenhausbehandlung kommt, wenn überhaupt, je nach Zuständigkeit und Aufenthaltsstatus vom Bund oder der Gemeinde, oft erst Wochen oder Monate nach der Entlassung.

 

Dem genauso bedauernswerten Patient steht, sofern er seinen schlimmen Zustand überlebt, keine Rehabilitation zu. Er wird also, egal, wie es ihm geht, egal, ob er überhaupt zwanzig Meter laufen oder sebständig essen kann, egal, wie alltagskompetent er ist, egal, ob er weiß, wie die nächsten Schritte sind und an wen er sich für was wenden muss, ins Asylbewerberheim zurück entlassen. Er hat in aller Regel niemanden, der sich um all die Bürokratie kümmert (wenn er Glück hat, gibt es vielleicht einen Ehrenamtlichen, der genau die gleiche Arbeit leistet, wie ein Berufsbetreuer, aber dafür kein Geld bekommt).

 

Der Asylbewerber kann (in Sachsen) nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auch nicht einfach so zu einem niedergelassenen Arzt gehen, um sich seine Medikamente weiter verschreiben zu lassen. Erstmal muss er eine Praxis finden, die überhaupt bereit ist, ihn zu behandeln. Dann muss er dort einen Termin ausmachen und sich vom Amt einen Behandlungsschein für genau diesen Termin in genau dieser Arztpraxis ausstellen lassen. Über diese Behandlungsscheine entscheiden medizinische Laien, und wenn der Flüchtling Schmerzen oder andere lebensbedrohliche Zustände verneint (wer kann in einem lebensbedrohlichen Zustand erstmal auf’s Amt gehen?) dann wird, selbst mit Entlassbrief aus dem Krankenhaus, dieser Behandlungsschein nicht selten verweigert.

 

Es ist also ein Glücksspiel, ob der Patient überhaupt einen niedergelassenen Arzt zu sehen bekommt. Gelingt das und bekommt er seine lebensnotwendigen Medikamente verordnet, dann kann der Flüchtling nicht einfach in eine Apotheke gehen, um das Rezept einzulösen. Nein, er muss vorher erst wieder auf’s Amt und sich die Kostenzusage mit einem Stempel auf das Rezept bestätigen lassen. Die Entscheidung über diesen Stempel trifft wieder ein medizinischer Laie. Oft wird er, genau wie die Behandlungsscheine, verweigert. Ohne Stempel kein Medikament. Wenn aber ein chronisch kranker Asthmatiker (Asthma kann man nicht heilen) nicht regelmäßig seine Medikamente einnimmt, dann kommt es früher oder später wieder zu einem Notfallgeschehen wie dem am Anfang beschriebenen.

 

Mit erneutem Notfalleinsatz, mit erneutem Krankenhausaufenthalt, mit erneuter aufwändiger Diagnostik und Therapie – denn das jeweilige Notfallteam weiß in den seltensten Fällen, ob und in welcher Klinik der Patient schon war. Die Wahrscheinlichkeit ist, zumindest hier im großstädtischen Umfeld, groß, dass der Patient in ein anderes Krankenhaus eingeliefert wird. Dort werden dann alle mehr oder weniger aufwändigen Untersuchungen wiederholt, wieder eine aufwändige Therapie durchgeführt.

 

Davon abgesehen, dass es menschenverachtend ist, einen Patienten durch amtliche Verweigerung regelmäßiger ärztlicher und medikamentöser Behandlung bewusst in lebensbedrohliche Situationen zu bringen, ist ein Notarzteinsatz um Größenordnungen teurer als einmal im Quartal eine Arztkonsultation und die entsprechenden Medikamente für diesen Zeitraum zusammen.

 

 

Allen Menschen ist in der gleichen Situation die gleiche medizinische Behandlung zu gewähren. Denn es macht keinen Unterschied, ob der Obdachlose vor lauter Luftnot in Todesangst gerät, oder der Flüchtling oder Frau Merkel oder du oder ich. Alle haben das gleiche Recht darauf, baldmöglichst aus dieser schrecklichen Situation befreit zu werden, alle haben das gleiche Recht darauf, möglichst nie wieder in so eine schreckliche Situation zu geraten. Schon gar nicht aus dem Grund, dass die Verhinderung so einer Situation gut möglich wäre, aber bewusst verweigert wird.

 

Ich kann das nicht verantworten! Ich bin unpolitisch, Humanist und Pazifist. Ich fühle mich nur meinem Wissen und Gewissen verpflichtet und dem Hippokratischen Eid, den ich mal geschworen habe, und in dem es heißt, dass ich "… selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden …" werde.

 

Dafür nehmen wir Flüchtlingshelfer Drohungen in Kauf, den Hitlergruß auf dem Krankenhausflur, Hakenkreuze im Autolack, zerstochene Reifen und gesprengte Briefkästen – und polemische Hasskommentare von Populisten und Rechten ...


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Kommentare: 3
  • #1

    Dos Santos (Sonntag, 23 September 2018 11:04)

    ich bin glücklich, dass es Menschen wie dich gibt. Danke

  • #2

    Marion Förster (Sonntag, 23 September 2018 13:57)

    Vor denen, die ehrenantlich Menschen helfen, kann ich mich nur verneigen. Und mich für die schämen, die die rassistische Sau rauslassen und die HelferInnen bedrohen.

  • #3

    Peter Voll (Dienstag, 20 November 2018 16:40)

    Ein paar Zitate aus dem Grundgesetz:
    Artikel 1

    (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

    Artikel 2
    (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

    Artikel 3
    (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
    (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

    Wenn ich diese wesentlichen Bestandteile des GG ernst nehme, wird nach deiner obigen Beschreibung gegen diese Gesetze verstossen.

    Im Artikel 1 steht nicht ohne Grund gleich als erster Satz, die Würde des Menschen ist unantastbar.
    Da steht nicht "Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar" .
    Da steht, "Die Würde des Menschen ist unantastbar" .
    Unsere Väter haben sich was dabei gedacht.
    Wenn ich das richtig verstehe, gilt dieser Satz für jeden Menschen auf diesem Planeten.