Leseprobe


Kapitel 11 - Du lügst! (aus der Hardcover-Ausgabe)

Der randalierende Mob breitet sich aus wie ein Flächenbrand. Immer mehr Städte in Sachsen, immer mehr Heime sind betroffen. Sogar die Tagesschau berichtet. Vertreter der sächsischen Landesregierung kommen, am Ende auch Frau Merkel. Sie versuchen zu beschwichtigen und zu retten, was zu retten ist. Zu spät. Ausrichten können sie nichts.

     Es ist Sonntag, ich habe Bereitschaftsdienst auf der Intensivstation. Vom Pflegepersonal werde ich auf die Flüchtlinge angesprochen. Ich freue mich darüber, hoffe auf ein konstruktives Gespräch und eine sachliche Diskussion.

     „Wie ist es denn da in diesem Heim?“

     „Vor allem sehr eng. Die Zimmer sind klein. In Dreibettzimmer wurden teilweise Doppelstockbetten gestellt, um sie mit sechs Personen belegen zu können. Es ist aber nur Platz für drei schmale Metallspinde und auch nur für einen kleinen runden Tisch mit drei Klappstühlen. Immer zwei müssen sich einen Spind teilen, der eigentlich sogar für einen zu klein ist, und gemeinsam am Tisch sitzen können sie nie. Manchmal sind Angehörige aus drei oder vier Nationen auf solch ein Zimmer verteilt. Es kann auch sein, dass jemand dreimal in der Woche ein anderes Zimmer zugewiesen bekommt. Die wenigsten Zimmer haben eine eigene Nasszelle. Die, die eine haben, sind Familien vorbehalten. Die Bäder und Toiletten  sind  auf dem  Flur.  Die  Küchen dürfen nur von den Familien genutzt werden, es gibt teilweise Schwierigkeiten mit der Essensversorgung. Und langweilig ist es den Bewohnern. Das verstärkt deren Probleme. Viele sind gesundheitlich und psychisch angeschlagen, die meisten haben Angst. Die Leute haben nichts zu tun, sie müssen warten, auf alles warten. Sie können die Dauer des Wartens nicht beeinflussen, denn darüber entscheiden die Behörden …“

     „Das stimmt doch alles gar nicht!“, werde ich rüde unterbrochen. „Denen geht es doch gut hier! Die leben dort oben wie die Maden im Speck! Dass du dich um die kümmerst und da immer hingehst! Da wird man doch ständig dumm angemacht von diesen Ausländern!“

     „Ich bin noch nie dumm angemacht worden. Im Gegenteil, die sind alle sehr höflich und zuvorkommend zu mir und vor allem sehr dankbar.“

     „Du lügst doch!“

     „Wieso sollte ich lügen? Wie oft warst du denn schon in dem Hotel?“

     „Kein einziges Mal, und ich gehe da auch ganz bestimmt nicht hin!“

     „Aber du hast doch gerade gesagt, du wirst dort ständig dumm angemacht?“

     „Na ja, man hört das ja immer, auf der Straße und so …“

     „Wie oft bist du persönlich denn schon von Asylbewerbern dumm angemacht worden?“

     „Ich passe da schon auf, dass die mir nicht zu nahe  kommen  und  dass  ich  nicht  dumm  ange-

macht  werde.  Ich gehe nicht mehr ‘raus, seit die da sind … Die sind doch alle kriminell und frauenfeindlich!“

    „Wie viele Flüchtlinge kennst du denn persönlich? Mit wie vielen hast du schon gesprochen? Wie viele Fluchtgeschichten kennst du?“

     „Gott bewahre! Keinen Einzigen kenne ich, und dabei wird es auch bleiben. Ich bin froh, wenn ich mit denen nichts zu tun habe!“

     Meine Erfahrungen zählen nichts. Vielen ist jegliche Empathiefähigkeit abhandengekommen. Die Meisten lieben und pflegen ihre Vorurteile und sind überhaupt nicht bereit, sich für andere Perspektiven zu öffnen. Es liegt am Wollen. Sie wollen einfach nicht. Ich kann vor allem nicht verstehen, dass ausgerechnet medizinisches Personal so denkt.

      Es hat keinen Zweck. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Resigniert stelle ich das fest. Es stimmt mich nachdenklich. Das Arbeitsklima hat sich deutlich abgekühlt. Zu Leuten, mit denen ich bisher gut auskam, fehlt auf einmal die gemeinsame Basis. Man distanziert sich demonstrativ und lehnt nicht nur mein Tun ab, sondern auch mich selbst. Wer verhält sich hier eigentlich respektlos? Niemals in all den Jahren hat sich je ein Flüchtling mir gegenüber respektlos verhalten, Deutsche jedoch sehr, sehr oft.

 

Fünfzehn Kilometer entfernt eskaliert zur selben Zeit erneut die Gewalt. Im Radio des Aufenthaltsraumes laufen die Nachrichten. Es gibt Personal,das gut findet, was da gerade passiert. Warum nur dieser Hass? Warum kein Miteinander? Warum? Die Worte des Nachrichtensprechers hämmern in meinem Kopf. Hört doch endlich auf mit der Gewalt! Es ist doch viel besser und so einfach, ein wenig Freude zu schenken. Ich bin traurig. Was haben diese Menschen denn getan, dass sie gehasst werden? Sind sie im falschen Land geboren? Haben sie die falschen Namen? Die falsche Religion? Das falsche Aussehen? Ist das denn deren Schuld? Was haben sie getan, dass man Anschläge auf sie verübt, ihre Unterkünfte niederbrennt, Naziparolen brüllt? Dieses erbärmliche Leben in den Erstaufnahmen, dieses langweilige, zermürbende Nichtstun, muss man das durch Hass und Gewalt noch schlimmer machen? Ich verstehe es nicht und werde es nie verstehen.

    Den Rest des Dienstes verbringen wir, von fachlich unbedingt notwendigen Gesprächen abgesehen, schweigend. Die Atmosphäre ist eisig.

     Ich bin müde nach meinem Zwölfstundendienst. Zu Hause läuft der Fernseher. Spätnachrichten. Wieder flimmern die gleichen, altbekannten Szenen in der Tagesschau. Die Polizei hat die Situation jetzt weitgehend unter Kontrolle.

     Mein Handy klingelt.

     „Ich bin es, Faris. Hier ist ein großes Problem, Nazis haben eine Bombe ins Fenster geworfen! Das Fenster ist kaputt und die Lampe auch und die Bettdecke hat gebrannt, aber das haben wir schnell gelöscht. Wir saßen zu viert auf dem Bett, als die Bombe genau zwischen uns fiel. Wir sind aufgesprungen und haben uns unter den Betten versteckt. Es ist niemand verletzt, aber wir haben alle große Angst. Hoffentlich kommt die Polizei bald …“

     Nun also auch hier wieder. Es macht mich betroffen. Wann hört das endlich auf? Wenn man diese Menschen nicht mag, kann man sie dann nicht einfach in Ruhe lassen, ihnen aus dem Weg gehen? Ich schäme mich.

     „Wir sind das Volk.“ Wir? Nein, das Volk, das diese Parole brüllt, ist mein Volk definitiv nicht. Im Gegenteil: Manchmal schäme ich mich, eine Deutsche zu sein. Der Anschlag auf Faris‘ Unterkunft war nicht einmal eine Randnotiz in der Zeitung wert. So sehr gehört das zum Alltag, so „normal“ ist das … Ja, ich schäme mich.

 

Kapitel 42 - Eine ganz persönliche Bilanz

 

"Hast du denn keine Angst?", werde ich oft gefragt.

 

Doch, natürlich!

 

Angst macht mir der Hitlergruß auf dem Hof von Felix‘ Schule. Angst macht mir der Hitlergruß im Krankenhaus und die Ignoranz des Problems bis in höchste Führungsebenen.

Angst macht mir, dass Personal in Anwesenheit unseres syrischen Kollegen über den Krieg in seiner Heimat spottet.

Angst machen mir der weitreichende Verlust von Empathiefähigkeit und die fehlende Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Angst macht mir die „Deutsche zuerst“-Mentalität. Gesundheit ist eines der grundlegendsten Menschenrechte überhaupt. Jeder Mensch hat Anspruch auf eine angemessene medizinische Behandlung.

Angst machen mir Fanatismus, Terror, Vorurteile und Pauschalisierungen – ganz gleich aus welcher Richtung.

Angst macht mir das undifferenzierte Gleichsetzen von Islam und Islamismus.

Angst macht mir der Islamismus, nicht der Islam.

Angst machen mir Terroristen, nicht Muslime.

Angst machen mir rasierte Glatzen, eindeutige Tätowierungen und Springerstiefel: ein Grund, die Straßenseite zu wechseln. Angst macht mir die AfD und ihr Einzug in den Bundestag.

Angst machen mir Rassismus, Hass und Intoleranz.

Angst machen mir Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und linke Politiker.

Angst machen mir zerstochene Autoreifen und Hakenkreuze an den Häusern von Flüchtlingshelfern. Bin ich die Nächste? Wann bin ich dran?

Angst habe ich vor einer Wiederholung der Geschichte.

Angst habe ich vor dem Verlust von Menschlichkeit und Meinungsfreiheit.

Angst macht mir, wenn es besser ist, unerkannt zu bleiben. Angst macht mir, wenn es sinnvoller ist zu schweigen, wo reden besser wäre. Lieber unerkannt bleiben und schweigen, weil ich oder meine Familie andernfalls Drohungen und Nachteile befürchten müssen.

 

"Warum machst du das eigentlich?"

 

Ich hatte kurzzeitig den Gedanken, Sachsen zu verlassen, weil ich glaubte, das alles nicht ertragen zu können. Weil ich meinte, es nicht verantworten zu können, mein Kind in einem Klima des Hasses und der Intoleranz aufwachsen zu lassen. Doch diesen Gedanken habe ich wieder verworfen, um Felix das Gegenteil vorzuleben. Um ihm zu zeigen, dass es auch anders geht. Um ihm vorzumachen, dass es sehr lohnenswert sein kann, nicht zur vermeintlichen Mehrheit zu gehören. Um ihm vorzuleben, dass man etwas bewirken und verändern kann. Nicht die ganze Welt, aber sein kleines, privates Umfeld. Um Felix zu zeigen, dass es manchmal zwar besser ist zu schweigen, sich aber trotzdem klar zu positionieren – mit Taten.

 

Ich mache das, weil ich mich nur meinem Wissen und Gewissen unterworfen fühle. Weil für mich jeder Mensch gleich ist und ich den Hippokratischen Eid wörtlich nehme: „Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaubensbekenntnis, ethnische Herkunft, Geschlecht, Nationalität, politische Zugehörigkeit, ‚Rasse‘, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder andere Faktoren.“[1] Und: „Ich werde mein medizinisches Wissen nicht dazu verwenden, Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten zu verletzen, selbst unter Bedrohung“.

 

Ich mache das, weil ich nicht zu denjenigen gehöre, die für sich proklamieren, „das Volk“ zu sein. Ihr, die ihr das ruft: Wie könnt ihr euch anmaßen, für alle zu sprechen?

 

Ich mache das, weil es mir eine große Freude ist, Einblicke in andere Kulturen und Lebenswelten zu erhalten, weil ich den Blick über den Tellerrand genieße, weil ich viel lernen kann über mich und andere. Wie ginge das besser, als im direkten Kontakt zu den Menschen?

 

Ich mache das, weil mir diese Arbeit eine große Bereicherung und Freude ist.

 

Ich mache das, weil die Welt ein Geben und Nehmen ist. Weil sich Hilfsbereitschaft auszahlt. Als ich krank wurde und ein paar Wochen ausfiel, entbrannte unter den Bewohnern der Perlacher Straße ein Streit darüber, wer mir wann, wie und in welcher Weise helfen kann. Die Jungs haben sich allen Ernstes darüber gestritten, wer als Nächstes an der Reihe ist, mir die Taschen hochzutragen! Sie wollten mich sogar zu meinen Arzt- und Physiotherapieterminen begleiten, und mindestens dreimal am Tag hat sich einer von ihnen erkundigt, wie es mir geht und ob er irgendetwas für mich tun kann.

 

Ich mache das, weil die gegenseitige Dankbarkeit groß ist. Azads Begleiter an seinem Sterbebett waren mir überaus dankbar dafür, dass ich in seinem Tod ihre Rituale respektiert und ihre Wünsche erfüllt habe, und ich bin ihnen ebenso dankbar dafür, dass ich Azad ebenfalls begleiten durfte. Ich, als Nicht-Muslima.

 

Ich mache das, weil ich von denen, die ich unterstütze, tiefen Respekt und große Achtung erfahre. Das wiegt die Ablehnung vielfach auf, die mir von anderer Seite entgegenschlägt. Ich habe nie das erlebt, was man gemeinhin „dem“ Islam Frauen gegenüber unterstellt. Vielleicht ist das ja nur ein Zufall, wer weiß…

 

"Würdest du es wieder tun?"

 

Ja, immer wieder, weil mein Handeln meiner tiefsten Überzeugung entspringt und meiner inneren Berufung entspricht.



[1] Aus der Genfer Deklaration des Weltärztebundes.

 

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