Leseprobe


Beklemmung

Die Behörde ist seit Wochen geschlossen. Der Wachschutz am Hauseingang ist trotzdem da. Ich muss mich ausweisen und einen Fragebogen ausfüllen, ehe ich eingelassen werde. „Zweite Etage!“ Ja, ja, ich weiß. Ich benutze die Treppe. Man erwartet mich schon. Es gibt schon seit Wochen keinen Publikumsverkehr, nur ein paar Mitarbeiter sind vor Ort. Trotzdem patrouillieren auf den Gängen bewaffnete Polizeibeamte mit Körperschutz. Ich fühle mich unwohl, obwohl mich alle sehr wohlwollend begrüßen. Ich habe hier nichts zu befürchten. Ich muss die Räumlichkeiten inspizieren, bevor die Behörde wieder öffnet.


Diese Tätigkeit widerstrebt mir. Ich will nicht überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Denn selbst wenn alle Vorgaben eingehalten werden, ist hier in diesen Räumlichkeiten normalerweise gar nichts in Ordnung. Ich gehe durch, in Begleitung von zwei Mitarbeitern. Ein Polizeibeamter folgt uns. Ich fühle mich unwohl.

Plexiglas. Durchsichtig. Zwei Seiten. Man kann hindurchschauen, und doch trennt diese Plexiglasscheibe Welten. Ich kann dahinter, ich kann davor. Ich kann die Welten wechseln.


Ein Stativ mit Fotoapparat. Eine weiße Wand. Ein Fingerabdruckscanner. Ein Computer mit Anschlusskabeln für verschiedene Handytypen.

Schreibtische, zwei Meter Abstand.


Ich arbeite meine Checkliste ab. Nächster Raum. Stühle. Zwei Meter Abstand. Für die, die hier sonst warten. Der Raum ist leer. Ich fühle mich unwohl. Obwohl der Raum leer ist, liegen Angst und Ungewissheit in der Luft.

Drei Tische, einer den beiden anderen gegenüber. Zwei Meter Abstand. Und wieder Plexiglas. Ein kahler, leerer Raum. Weiße Wände. Blanke Fenster. Keine Pflanze. Keine Uhr an der Wand. Nichts. Drei Tische, davon einer mit Computer, drei Stühle, Plexiglas, dazwischen zwei Meter Abstand. Sonst nichts. Ich fühle mich unwohl. „Am Donnerstag soll hier zum ersten Mal wieder eine Anhörung stattfinden. Hier sitzt der Entscheider, da der Dolmetscher, und hier der Antragsteller“, werde ich eingewiesen. Ja, ja, ich weiß. Ich kann, für ein paar Minuten, alle drei Positionen einnehmen. Meine Gedanken schweifen ab. Antragsteller, Entscheider. Schreckliches Amtsdeutsch. Hier, in diesem kahlen Raum, bist du eine Nummer. Hier, in diesem kahlen Raum, wird dein Schicksal besiegelt. „So eine Befragung kann bis zu drei Stunden dauern.“ „Ja, ja, ich weiß!“ Die Mitarbeiterin horcht auf und schaut mich irritiert an. Das hätte ich nicht sagen dürfen. „Ich hab schon mal davon gehört“, ergänze ich schnell.

Ein abschließendes Gespräch im Büro der Dienststellenleiterin. Kein Plexiglas.

Ich fühle mich unwohl. Ich will hier weg. Man verabschiedet mich freundlich und begleitet mich zum Ausgang.
Auf den Gängen patrouillieren bewaffnete Polizeibeamte mit Körperschutz. Ich fühle mich unwohl. Obwohl mich alle sehr wohlwollend behandelt haben, wirkt die gesamte Atmosphäre kalt, abweisend, unfreundlich, bedrohlich. Mein Herz klopft bis zum Hals und ich schwitze.

Die, die sonst hier sind – werden sie auch so wohlwollend behandelt? Nein.
Die, die sonst hier sind – können sie auch einfach die Position wechseln? Nein.
Die, die sonst hier sind – wie fühlen sie sich?

Die Polizei wirkt martialisch. Wen oder was hat sie zu beschützen? Und vor wem? Das hier ist kein Gefängnis. Das hier ist kein Gericht. Das hier ist eine Außenstelle des BAMF, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Die, die sonst hier sind, sind keine Verbrecher. Die, die sonst hier sind, sind Flüchtlinge. Hier wird über ihre Zukunft, über ihr Schicksal entschieden. Manchmal über Leben und Tod …