Fehl am Platz

Ich steige aus dem Flugzeug, ich bin angekommen. Ich bin heimgekommen, endlich! Hier muss ich muss ich mich nicht verstellen. Hier muss ich mich nicht anpassen. Hier muss ich mich nicht verbiegen. Hier muss ich mich nicht rechtfertigen. Hier werde ich so angenommen wie ich bin. Hier werde ich erwartet und willkommen geheißen, so wie ich bin. Hier gehöre ich dazu, so wie ich bin. Hier darf ich einfach ich sein. Hier bin ich frei in Seele und Geist. Hier darf ich  so sein, wie ich bin! Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

 

Heimat ist da, wo man sich nicht verstellen anpassen und verbiegen muss. Heimat ist da, wo man angenommen, willkommen geheißen und geliebt wird. Heimat ist da, wo man so sein darf, wie man ist. Heimat ist da, wo man dazugehört, wo man man selbst ist.  Heimat ist ein Gefühl wohliger Wärme, tiefer Vertrautheit, inniger Geborgenheit und bedingungsloser Zugehörigkeit.

 

Ich fahre über die unbefestigte, staubige Straße vom Flughafen in die Stadt und weiß: hier bin ich zu Hause! Ich sehe ein Gewimmel bunt gekleideter Menschen. Sie sind arm, aber reich im Herzen. Ich fühle mich ihnen nah und verbunden. Ich rieche den Knoblauch und die Gewürze und das Holzkohlefeuer der Garküchen und weiß: das ist meins, das ist ein Teil von mir, hier gehöre ich hin. Ich sehe die goldenen Dächer der Wats, ich rieche den Duft Weihrauchs und höre die Gebete der Mönche. Ich höre die vertrauten Laute, die sich zu verständlichen Worten und Sätzen formen und weiß: hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Hier ist meine Heimat!

 

Zwölftausend Kilometer entfernt liegen meine geografischen und genetischen Wurzeln. Man sagt, Deutschland sei meine Heimat. Weil meine Eltern deutsch sind, weil ich hier geboren wurde und aufgewachsen bin, weil meine Muttersprache Deutsch ist und weil ich hier lebe. Aber ist Deutschland deshalb meine Heimat?

 

Ich schaue auf die Elbe, doch ich sehe den Mekong. Ich schaue auf die Kirchen, doch ich sehe die Pagoden. Ich schaue auf den Discounter, doch sehe den Markt unter der großen gelben Kuppel. Ich wechsle belanglose, oberflächliche Worte mit meinen Bruder und denke an die tiefsinnigen Gespräche mit meiner Patentochter und Van Nath. Ich stehe an der Elbe und wünsche mich nach Hause. Ich habe Heimweh, ganz schreckliches Heimweh. Denn alles, was Heimat für mich ist, finde ich in Deutschland nicht.

 

Aber Deutschland ist die Heimat meines Kindes, obwohl seine Gene nur zur Hälfte ihren Ursprung in Deutschland haben. Ihm bereitet allein der Gedanke, Deutschland zu verlassen, furchtbare  Schmerzen. Für mein Kind ist Deutschland das, was es für mich nicht ist: Heimat. Ich liebe mein Kind und möchte ihm keine Schmerzen und kein Leid zufügen. Deshalb leide ich. Tief in Inneren. Unausgesprochen. Still. Immer mehr. Eben weil ich hier nicht so sein darf, wie ich bin. Eben weil ich mein Heimweh nicht einmal in meiner Familie thematisieren darf. Eben weil ich mich verbiegen muss, jeden Tag aufs Neue. Eben weil ich mich dafür und noch für so vieles mehr rechtfertigen muss. Weil ich anders bin, weil ich mich den meisten anderen Menschen viel näher fühle als den Deutschen. Weil ich im Herzen und im Geiste viel mehr so bin wie die da, die anderen, die nicht dazugehören zu Deutschland. Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören. Denn man kann sich noch so viel Mühe geben, irgendwo dazuzugehören – das wird einem nämlich nie gelingen, solange man nicht die Möglichkeit bekommt, dazuzugehören.

 

Ich möchte so gern an dem Ort sein, wo ich Mensch bin und es auch sein darf …


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