Berührungsängste

Warum haben so viele Leute Kontaktängste zu Menschen, die „anders“ sind? Warum wird, selbst im geschützten Raum, noch nicht einmal eine Kontaktaufnahme versucht?

 

Ich habe heute mal wieder einen ausländischen Patienten gehabt. Nein, keinen Flüchtling. Nein, nicht aus Afrika oder dem Nahen Osten. Aber das alles weiß man ja nicht, wenn der Mensch im Wartezimmer ist. Man weiß den Namen und sieht sein Äußeres.

 

Und dann beginnt an der Rezeption der Praxis und unter dem Pflegepersonal ein seltsamer Reflex:

Es wird spekuliert, wo derjenige herkommen könnte, man kramt ängstlich in allen Schubkästen, ob es fremdsprachige Informations- und Aufklärungsbögen gibt, man tuschelt aufgeregt, ob einer der anwesenden Ärzte Englisch spricht (wieso geht man eigentlich davon aus, dass jeder Ausländer Englisch und keiner Deutsch kann?), um dann mit übergroßer Erleichterung festzustellen, dass ja die Conny heute da ist! Gott sei Dank: Ausländer im Wartezimmer -> automatisch Conny zuständig -> fertig, weitergereicht, Problem gelöst.

 

Auf die Idee, mit dem Menschen zu reden, ist bis dahin noch niemand gekommen. Dabei hätte man nämlich festgestellt, dass man weder fremdsprachige Aufklärungsbögen, noch einen englischsprachigen Arzt braucht. Man hätte nämlich gemerkt, dass man sich mit dem Menschen hervorragend Deutsch unterhalten kann. Und hätte man ihm gar die eine oder andere Frage gestellt, hätte man gewusst, was ihn herführt (nämlich, dass er gar nicht krank ist, sondern lediglich eine Impfung und eine Kontrolle seiner Nieren wollte, weil der Bruder im Heimatland kürzlich an einer Nierenerkrankung verstorben ist). Und man hätte vielleicht auch herausgefunden, dass es er Wissenschaftler ist und wie lange er schon in Deutschland lebt. Doch das findet man eben nur heraus, wenn man den Kontakt sucht!

 

Aber nein: Fremder Name, fremdes Aussehen – will ich nix mit zu tun haben!!! Nur schnell weg, Gott sei Dank ist Conny da, und die Conny, die ist ja bissel seltsam, denn die macht sowas gerne. Soll sie machen, haben wir wenigstens nichts mehr mit zu tun! Ja, Conny macht das gerne. Nein, Conny hat kein Problem mit fremden Namen und Aussehen. Nein, Conny hat überhaupt kein Problem mit Menschen. Aber warum die anderen? Warum kann man dem schwarzhaarigen Ajith Chawla (Name fiktiv) mit dunklem Teint nicht genauso gegenübertreten wie dem blonden und blauäugigen Otto Müller (Name genauso fiktiv)??? Ich hab mich jedenfalls mit meinem Patienten prächtig unterhalten (und habe, wie immer, nicht nach seinem Herkunftsland gefragt, es aber es dennoch nach zwei Sätzen gewusst), ihn am Ende zur Rezeption für den nächsten Termin begleitet und mich von ihm verabschiedet. „Der war wohl gar nicht komisch?“, fragte die Dame am Empfang – zum Glück erst, nachdem er gegangen war.

Das andere Extrem: Einer unserer Kollegen stammt aus Ägypten und spricht - ei, wer hätte das gedacht! - Arabisch. Der wird gerne mal spontan gerufen, wenn ein Patient z.B. Muhammad heißt. Es gibt aber tatsächlich auch Muhammads, die nicht oder nur ein paar Brocken Arabisch können - ei, wer hätte DAS denn nun wieder gedacht!!! Dass es vielleicht auch Muslime in Pakistan oder Eritrea gibt, die Urdu bzw. Tigrinya als Muttersprache haben, oder ganz woanders herkommen und was weiß ich für Sprachen sprechen, das nun wiederum übersteigt die Vorstellungskraft vieler Deutscher ...


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion wird moderiert. Sie sehen Ihren Beitrag erst nach Freischaltung. Das kann bis zu einem Tag in Anspruch nehmen, in Ausnahmefällen auch länger.

 

Beleidigende, rassistische, volksverhetzende oder verfassungsfeindliche Kommentare werden nicht veröffentlicht. Ich behalte mir vor, entsprechende Äußerungen den Ermittlungsbehörden weiterzuleiten. Das gleiche gilt für Nachrichten, die mich per Post oder E-Mail erreichen.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0