Wir schaffen das? Ja, wenn...

„Wir schaffen das“, hat Angela Merkel 2015 gesagt und die Grenzen geöffnet. Nun bin ich kein Fan von Angela Merkel und ihrer Politik. Aber völlig unrecht hat sie mit diesem Satz nicht, wenn … Ja, wenn!

 

Wir können das schaffen, die Integration, wenn wir denn wollten. Bei diesem Wir sind WIR alle gemeint, WIR Deutschen und die, die zu uns gekommen sind. Bei diesem WIR fühle ich mich eingeschlossen, ich fühle mich als ein Teil des WIR. WIR schaffen das, wenn jeder einzelne dieser WIR-Gemeinschaft seinen eigenen, individuellen Beitrag dazu leistet. WIR, das sind wir alle, also auch du und ich! Integration ist immer eine bilaterale Angelegenheit, sie muss immer zwingend von beiden Seiten ausgehen. „Die Neuen“ müssen bereit sein, sich einzugliedern, und „die Alten“ müssen bereit sein, „die Neuen“ aufzunehmen. Integration gelingt nicht, wenn „die Neuen“ nicht dazugehören wollen, und sie gelingt noch viel weniger, wenn „die Alten“ sie nicht dazugehören lassen, sie ausschließen, das Anderssein statt der Gemeinsamkeiten betonen, mit unterschiedlichem Maß messen, Klischees pflegen, Vorurteile hegen.

 

Es hilft nicht, sich hinzustellen und zu rufen, dass die anderen etwas zur Integration tun müssen – die Anderen: Geflüchteten, die Politik, die Wirtschaft. Nein, wir alle, du und ich, wir müssen etwas für die Integration tun!

 

Hierzulande leben etwa 60 Millionen Deutsche zwischen 20 und 79 Jahren (Quelle). Rechnet man extrem großzügig diejenigen heraus, die objektive Gründe haben, sich nicht gesellschaftlich zu engagieren (also z.B. Pflegebedürftige, schwer chronisch Kranke, Wohnungslose, Gefängnisinsassen etc.), bleiben ca. 50 Millionen erwachsene Menschen, die in der Lage sind, sich für andere einzusetzen. Gekommen sind ca. 1 Million Geflüchtete, sehr hoch gegriffen ca. 1,5 Millionen. 1 bis 1,5 Millionen Integrationsbedürftige stehen also 50 Millionen gegenüber, die sie aktiv bei ihrer Integration begleiten können. Ganz grob gerechnet müsste also etwa jeder 40. Erwachsene Deutsche, der grundsätzlich dazu in der Lage ist, einem einzigen Zugewanderten Hilfestellung im Alltag geben – und die Integration wäre kein Problem mehr und schon längst vollzogen.

 

Denn es würden sich keine Parallelgesellschaften bilden, weil es Kontakte zwischen Deutschen und Geflüchteten gäbe. Das Erlernen der deutschen Sprache würde viel schneller gehen, weil die Geflüchteten auch außerhalb ihrer Sprachkurse in der Kommunikation mit ihrem deutschen Partner die Sprache anwenden müssten. Gegenseitige Vorurteile würden abgebaut, wenn man merkt, dass der andere genauso ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Sorgen und Nöten ist wie ich. Freundschaften würden sich entwickeln. Auf Freunde prügelt man nicht ein. Manches Asylverfahren ginge sicher schneller, wenn der Geflüchtete von Anfang an wüsste, wie er welches Formular ausfüllen muss. Vielleicht bekäme er auch schneller eine Arbeit, wenn jemand seine Bewerbungsunterlagen gegenlesen und Fehler korrigieren würde.

 

Alle Flüchtlinge, die ich persönlich kenne (und das sind einige hundert), wünschen sich so aufgenommen zu werden, wie eben beschrieben. Sie wollen Freundschaften mit Deutschen, sie wollen nicht in ihrer Blase bleiben, sie wollen Anschluss finden, sie wollen eine Arbeit, sie wollen sich hier zurechtfinden. Ich kenne keinen einzigen, der das nicht will. (Die gibt es sicher auch, sie sind aber eindeutig in der Minderheit.) Nur wie soll ein integrationswilliger Flüchtling (wie gesagt: ich kenne keinen, der das nicht will!) hier anzukommen und dazuzugehören, wenn kaum jemand bereit ist, ihn zugehörig sein zu lassen? Das zwingt Geflüchtete regelrecht dazu, unter sich zu bleiben. Der überragende Teil der Deutschen nämlich lehnt genau diese Hilfe ab – ich?, wieso ich?, sollen doch mal schön die anderen machen! – meist aus fadenscheinigen Gründen. Geld bedarf es dafür nicht, und wenn jeder sich nur um einen einzigen Menschen kümmert, braucht es auch kaum mehr als zwei Stunden Zeit in der Woche. Auch ein Hartz-IV-Empfänger kann einen Teil seiner Zeit Flüchtlingen widmen!

 

Ja, nun schreit nur alle, dass ich doch bitte mit gutem Beispiel vorangehen solle. Ich meine, ich habe meinen Teil schon längst erfüllt. Für mindestens 39 Deutsche, die nicht wollen. In oben genannter Weise habe ich zeitgleich mehr als vierzig Personen betreut – allein, neben Schichtarbeit und Familie. Und nicht nur kurzfristig, sondern über mehr als zwei Jahre. Wenn man will, geht alles. WIR müssen es WOLLEN, dann klappt es auch mit der Integration. Am Wollen scheitert es, denn es ist doch so schön, zu hetzen, zu pöbeln und seine Vorurteile zu pflegen. Es ist so schön, Flüchtlinge und Helfer verbal und tätlich anzugreifen. Es ist so schön, seine Feindbilder zu pflegen!

 

An all die, die sagen, es gäbe genug Deutsche, die Hilfe brauchen – ihnen kann ich nur raten: Geht auch einfach mit gutem Beispiel voran. Denn es muss sich ja nur 40. eines Flüchtlings annehmen, bleiben also noch genügend übrig, die sich anderweitig sozial engagieren können. Aber es macht dabei eben keinen Unterschied, ob ich meine Zeit einem Deutschen oder einem Nicht-Deutschen widme, Mensch ist gleich Mensch!

 

Man muss kein Freund von Merkels Politik sein, man muss es nicht gutheißen, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Aber die Situation wird nicht besser, wenn man auf diese Menschen losgeht. Es wird nicht besser, wenn man ihre Unterkünfte anzündet und sie mit Ketten niederschlägt. Diejenigen, die das tun, stehen auf derselben Stufe mit denen, die in unser Land gekommen sind und hier Verbrechen begehen. Besser sollten wir Vorbild sein und den Menschen, die hier Schutz suchen, zeigen und vormachen, wie das Zusammenleben bei uns funktioniert. Und sie als das achten, was sie sind: Menschen wie du und ich!


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion wird moderiert. Sie sehen Ihren Beitrag erst nach Freischaltung. Das kann bis zu einen Tag in Anspruch nehmen, in Ausnahmefällen auch länger.

 

 

 

Beleidigende, rassistische, volksverhetzende oder verfassungsfeindliche Kommentare werden nicht veröffentlicht. Ich behalte mir vor, entsprechende Äußerungen den Ermittlungsbehörden weiterzuleiten. Das gleiche gilt für Nachrichten, die mich per Post oder E-Mail erreichen.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0