Wenn du anders bist - Alltagsrassismus gegen Deutsche

Ein Beitrag zur #MeTwo – Debatte

 

Ich bin Deutsche. Eine „richtige Bio-Deutsche“. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, genauer gesagt, im östlichen Teil Deutschlands, und dort im Süden, in Sachsen. Ich erlebte die „Wende“ als junge Erwachsene und gehörte zum ersten Jahrgang von Studenten im wiedervereinigen Berlin. Das wurde groß gefeiert, mit einem Festakt in der Staatsoper Unter den Linden unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Mitgliedern der Regierung. Nach meinem Studium absolvierte ich in Nordrhein-Westfalen meine Facharztausbildung und ging für sechs Jahre als Projektleiterin für den Aufbau eines Krankenhauses nach Kambodscha. Weder in Nordrhein-Westfalen, noch in Kambodscha hatte ich jemals Probleme, die auf meine Herkunft zurückzuführen gewesen wären. Hier wie da wurde ich wie selbstverständlich aufgenommen als eine der Ihren, hier wie da gehörte ich dazu und habe mich zugehörig gefühlt – gerade auch in der fremden Kultur.

 

Als ich zurückkehrte, wählte ich als neuen Lebensmittelpunkt nach insgesamt 17 Jahren Abwesenheit ganz bewusst meine Sächsische Heimat. Das war 2007. Es war leicht, eine Arbeit zu finden. Ich bekam sogar eine leitende Position in einem Krankenhaus angeboten, welche ich annahm. Doch plötzlich wehte mir ein Wind entgegen, den ich nicht kannte: Es wurde unter Kollegen und Pflegepersonal kein Hehl daraus gemacht, dass man einen „Wessie“ in diesem Krankenhaus nicht wünschte. Ich, ein Wessie? Nach 17 Jahren außerhalb Sachsens hatte ich mir wohl den typischen Dialekt abgewöhnt, im Herzen aber habe ich mich als durchaus noch als Ur-Sachse gefühlt. Dennoch hatte ich sogar ein bisschen Verständnis dafür. Ich setzte auf Dialog und versuchte es mit Aufklärung. Doch nun, da ich meine Herkunft und meinen Werdegang offengelegt hatte, galt ich Nestbeschmutzer und Verräter. Ich hatte meine sächsische Heimat verlassen und außerhalb keine schlechte Karriere gemacht – was will ich denn dann nun plötzlich wieder hier? Konnte ich nicht anderswo bleiben? Ich bin weggegangen, und nun will und braucht man mich hier nicht mehr. Dazu gehörte ich nicht. Ich fand das seltsam, aber arrangierte mich und arbeitete aktiv an der Re-Integration in meine alte Heimat.

 

Doch dann tat ich etwas Unerhörtes: Ich lernte einen Mann kennen und lieben! Das Verwerfliche daran: Dieser Mann war kein Bio-Deutscher, sondern ein Deutscher, der nicht deutsch aussah und somit kein „richtiger“ Deutscher war. (Wie sieht ein „richtiger“ Deutscher aus? - Er war Anfang der 80er Jahre als unbegleitetes Flüchtlingskind hierhergekommen, absolvierte Schule und Studium, wurde eingebürgert, geht seinem Beruf nach...)

 

Mein Freund also holte mich eines Tages von der Arbeit ab. Er wartete im Foyer des Krankenhauses auf mich, und wir begrüßten uns mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange.

 

Am nächsten Arbeitstag wurde ich in der Klinik von einem gleichaltrigen und gleichrangigen ärztlichen Kollegen öffentlich als „Hausländerhure“ beschimpft und darüber belehrt, was sich für eine „gute deutsche Frau“ gehört und was nicht. In allererster Linie nämlich treibt sich eine gute deutsche Frau auf keinen Fall mit Ausländern herum! Alle Anwesenden stimmten zu, niemand protestierte oder widersprach auch nur, einige wenige schwiegen zumindest. Mir verschlug das die Sprache, ich war unfähig, darauf irgendetwas zu antworten. Der Kollege und alle anderen wurden von den Vorgesetzten bis hin zur Krankenhausleitung gedeckt. Seine Äußerungen wären doch scherzhaft gewesen, ob ich denn keinen Spaß verstünde? Wem auch immer ich von diesen Vorfällen erzählte, es wurde darüber gelacht. Ich erstattete Anzeige gegen den Kollegen und bot ihm gleichzeitig an, die Anzeige zurückzuziehen, wenn er sich genauso öffentlich distanziert und entschuldigt. Er tat es nicht. Die Anzeige verlief im Sande, die Ermittlungen wurden eingestellt. Von da an wurde ich gemobbt, immer mehr und immer schwerer. Ich kündigte und suchte mir eine andere Klinik.

 

Doch dann tat ich etwas noch viel, viel Unerhörteres: Ich bekam nämlich ein Kind von dem „Ausländer“ – oder was auch immer das für ein komischer Deutscher ist, der so gar nicht deutsch aussieht! Unser Kind hat also deutsche Eltern und ist in Sachsen geboren, hat logischerweise die deutsche Staatsbürgerschaft, war außer für zwei Urlaubsreisen noch nie im Ausland, wächst nicht zweisprachig auf, spricht also außer Deutsch keine andere Sprache und hat gerade mal zwei Jahre Englisch in der Grundschule hinter sich. Aber dennoch hat unser Kind vor dem Gesetz und von Amts wegen einen Migrationshintergrund – denn den hat jeder, der mindestens ein Elternteil hat, das genetisch nicht Deutsch ist, und unser Kind sieht auch nicht richtig Deutsch aus! (Nochmal: wie muss jemand aussehen, um „richtig“ Deutsch zu sein? Wie viel „richtiger“ Deutsch als unser Kind soll denn jemand noch sein?)

 

Das Vorurteil meiner Mitmenschen bestätigte sich also: Die hat sich von ‘nem Ausländer ein Kind machen lassen! Ich wurde schief angeschaut. Mein Mann wurde schief angeschaut, jedes Mal, wenn er mit mir zur Schwangerenvorsorge ging. Mein neugeborenes Baby wurde schief angeschaut – es sah nicht deutsch aus. Und gleich darauf wurde ich wieder schief angeschaut, denn ich hatte mich ja ganz offensichtlich mit einen Ausländer eingelassen. Eine gute deutsche Frau macht so etwas nicht! Diese Meinung ist auch heute noch in Ostdeutschland weit verbreitet. Damit bin ich anders, gehöre nicht dazu, fühle mich nicht zugehörig. Fremd in meiner eigenen Heimat.

 

Mein Kind hat Gott sei Dank noch keine unmittelbaren persönlichen Diskriminierungen erleben müssen. Aber auf dem Hof seiner Schule gehört der Hitlergruß schon fast zum Alltag, und „Nazi“ ist eine erstrebenswerter Titel der Anerkennung unter Freunden. Seitens der Verantwortlichen wird darüber gelacht – Dumme-Jungen-Streiche sind das, das darf man nicht so ernst nehmen!

 

Eine Mutter, die sich mit einem „Ausländer eingelassen“ hat, wird hier also immer noch mit Argwohn betrachtet. Auch und gerade im Berufsleben! Auch wenn diese Mutter Ärztin ist, im Ausland eine Führungsposition innehatte und solch ein seltsames Zusatz-Fernstudium wie „Interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen“ absolviert hat, muss der Arbeitgeber, der diese Zusatzqualifikation zwar bezahlt hat, auf jeden Fall verhindern, dass diese Kollegin ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Klinikalltag anwenden kann. Da werden ausländische Patienten und Mitarbeiter im Krankenhausalltag regelmäßig diskriminiert, da sieht man auf dem Krankenhausflur ebenfalls den Hitlergruß, aber wenn besagte Kollegin, Mutter und „Ausländerhure“ dagegen vorgehen will, bekommt sie keinerlei Unterstützung und bis hin zur Geschäftsleitung wieder nur: ein Lachen.

 

Und dann kam das Jahr 2015 und viele Flüchtlinge. Überall in Sachsen, direkt vor meiner Haustür, gab es Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte, schwerste Ausschreitungen, die selbst Frau Merkel veranlassten, hierher zu kommen. In meiner Klinik lag ein reanimiertes Opfer dieser Angriffe und ein Folteropfer mit nach einem Suizidversuch. Ich musste feststellen, dass ich beide irgendwann in ein ambulantes Versorgungs-Vakuum entlassen musste, denn die medizinische Versorgung von Flüchtlingen ist in Sachsen schlecht, mangelhaft und sehr kompliziert.

 

Also tat ich noch einmal etwas ganz furchtbar Unerhörtes: Ich gründete eine Flüchtlingsambulanz, stattete diese am Anfang unter Nutzung meines Privatvermögens aus (später durch Sachspenden), begleite bis heute chronisch kranke Flüchtlinge, halte medizinische Vorträge für geflüchtete Frauen und Vorträge über interkulturelle Kommunikation für medizinisches Personal – alles in meiner Freizeit, neben Arbeit und Familie und natürlich für Lau.

 

Doch das passt vielen meiner Mitmenschen nun auch wieder nicht: Ich werde angefeindet, bedroht, habe Hakenkreuze im Autolack und zerstochene Reifen. Natürlich verliefen auch diese Anzeigen im Sande.

Sachsen, 2007 bis 2018: Alltagsdiskriminierung gegen alle, auch eigene Landsleute, die nicht ins Schema passen. Vom Alltagsrassismus gegen den Teil meine Familie, der nicht „richtig deutsch“ aussieht und gegen die Flüchtlinge, die ich betreue, ganz zu schweigen. Zu Hause und zugehörig fühle ich mich hier, wo eigentlich meine Heimat sein sollte, bis heute nicht.


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