Die Relativität der Armut

Ich habe einige Jahre in Kambodscha gelebt und war, von staatlichen Stellen und Geldern unabhängig, Projektleiterin beim Aufbau eines Krankenhauses. Kambodscha war (und ist immer noch) eines der ärmsten Länder der Erde.

 

In Kambodscha wurde nach der Niederschlagung der Roten Khmer (1979) ein Bürgerkrieg entfacht, in dem es noch bis Ende der 1990er Jahre regelmäßige Kampfhandlungen gab, vereinzelte noch bis 2002, 2003. Ich besuchte Kambodscha zum ersten Mal im Jahre 2001 und begann mein Krankenhausprojekt ein Jahr später, ich war vor Ort bis 2007.

 

Ich weiß also sehr genau, wie ein kriegszerstörtes Land aussieht. Ich weiß sehr genau, wie es Menschen geht, die nichts, aber auch gar nichts mehr haben. Menschen, die hungern, die nicht wissen, ob sie morgen etwas zu Essen haben werden oder ob eines ihrer Kinder übermorgen auf eine Landmine tritt und es nicht zum Arzt bringen können, weil es keinen gibt oder er so viel Geld verlangt, dass selbst das ganze Dorf die Summe nicht aufbringen kann. Menschen, deren einzige Kleidung die ist, die sie am Körper tragen, und sich auch keine neue kaufen oder nähen können, weil es einfach keine Textilien und Stoffe gibt und überdies auch kein Geld, um selbige zu kaufen, selbst wenn es sie gäbe. Menschen, die ohne jegliche medizinische Versorgung und ohne noch so kleine soziale Sicherung leben. Menschen, die kein Einkommen haben und keine Bildung, weil die Schulen zerstört sind und die Lehrer tot oder weil, sofern es beides gibt, das Schulgeld nicht bezahlt werden kann.  Menschen, die zu alledem in einer Region leben, die regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht wird; insbesondere fordern Überschwemmungen jedes Jahr Opfer – 2004 hat der Mekong über 20 Ortschaften und Siedlungen an seinen kambodschanischen Ufern dem Erdboden gleichgemacht, es gab mehrere Hundert Tote.

 

Ich weiß ebenso gut, wie es ist, in einer neuen, völlig fremden Kultur ankommen und sich dort zurechtfinden zu müssen. Ich weiß auch ganz genau, wie es ist, wenn man am Anfang nur nichtssagende Laute hört und genauso nichtssagende Zeichen sieht. Ich weiß, wie es ist, wenn der bisherige Alltag von heute auf morgen keine Bedeutung mehr hat. Ich weiß, wie es ist,  wenn von heute auf morgen hinterfragt werden muss, ob das, was gestern noch richtig war, heute immer noch richtig ist oder nun, vor dem Kontext anderer Werte, vielleicht falsch ist.

 

Ich weiß es nicht von Augenzeugen oder von Berichten aus Presse, nein, ich weiß es aus eigener Erfahrung! Vielleicht kann ich mir deshalb so gut vorstellen, wie es in Syrien oder Afghanistan aussieht und wie es den Menschen im Innersten geht, die zu uns kommen. Vielleicht kann mich deshalb so gut in sie hineinversetzen.

 

Und ich weiß noch etwas, auch aus eigener Erfahrung:

 

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt mit einem der besten Sozialsysteme der Welt! Uns geht es verdammt gut, und doch sind wir unzufrieden und jammern –  jammern auf hohem Niveau. Niemals habe ich einen der Ärmsten der Armen in Kambodscha jammern hören. Im Gegenteil: die Menschen hatten nichts – nichts außer einer positiven Einstellung. Man war nicht betrübt darüber, dass es heute keine warme Mahlzeit gab, sondern freute sich, zwei Fische gefangen zu haben, wovon man einen gegen eine Handvoll Reis eingetauscht hat, von der morgen, zusammen mit dem anderen Fisch, fünf Personen essen können.

 

Es gibt sicher Besseres als Essen von der Tafel und Kleidung aus dem DRK-Laden, aber die Sorgen, dass man keine Mahlzeit oder nichts anzuziehen hat oder dass sein krankes Kind keine ärztliche Versorgung bekommt, muss hier niemand haben. Auch das Kind aus der ärmsten Familie geht in die Schule, bekommt die Bücher kostenlos und sogar einen staatlichen Zuschuss zur Klassenfahrt. Die, die bei uns arm sind, sind reich im Vergleich zu Menschen aus Kriegsländern. Die übergroße Mehrheit derer, die meinen, dass Flüchtlinge ihnen etwas wegnehmen, hat niemals Krieg am eigenen Leib gespürt, hat niemals erlebt, wie es Menschen geht, die viel, viel weniger haben als sie selbst.

 

Muss es für Menschen aus Kriegsländern nicht geradezu absurd wirken, wenn Deutsche sich darüber beschweren, wie schlecht es ihnen geht?

 

Ich habe im unmittelbaren Nachkriegskambodscha ein Krankenhaus aufgebaut. Vielleicht mache ja dasselbe in ein paar Jahren in Syrien, Afghanistan oder Eritrea? Ich kann mir das gut vorstellen. Aber bis dahin bin ich für die Menschen da, die aus diesen Ländern hier sind. Und für alle anderen natürlich auch...


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